Trügerischen Hoffnungen und trüben Vorstellungen entkommen – Blog von Dirk Fabricius

Monat: November 2021

Immissionen des Informationszeitalters / der Wissensgesellschaft: Werbung und ihre Verwandten


In Glasgow qualmten auf dem Klimagipfel die Wortwolken aus den Kommuniques wie einst die Fabrikschornsteine. (H.von Butler, STERN v.11.11.21 – der im übrigen der Informationsüberflutung einen Titel widmet.)
§ 906 BGB: Zuführung unwägbarer Stoffe
Nach § 906 kann der Eigentümer von einem anderen Grundstück ausgehende Einwirkungen nicht verbieten, wenn sie die Benutzung seines Grundstücks nicht oder nur unwesentlich beeinträchtigen; die Zuführung durch eine besondere Leitung ist unzulässig. Nach § 907 kann verlangt werden, dass „Gefahr drohende Anlagen“ auf Nachbargrundstücken nicht hergestellt oder gehalten werden.


Das BGB (1900) enthält bereits einigen Immissionsschutz, Aufschwung bekam er erst mit dem Immissionsschutzgesetz von 1974 und dient dem Schutz vor schädlichen Umwelteinwirkungen und deren Vorbeugung. Aber auch dieses beschränkte sich auf physische und chemische Einflüsse, obgleich doch Missionare und Missionen alles andere als selten sind und seit Jahrhunderten, Gesandte, die Botschaften, Informationen überbringen sollten.
Wenn man eine Analogie bilden will, so entspricht dem Grundstück ein Mensch als leib-seelische Einheit, die Einwirkungen kommen nicht aus der Zuführung von gefährlichen Stoffen, sondern von gefährlichen Informationen. Eine Gefahr drohende Anlage wäre z.B. eine Werbeagentur.
Gerade in der Informationsflut sind untergemischte irreführende, „stupsende“ (nudging), lenkende Informationen problematisch, weil schwer zu identifizieren. „Ich möchte Sie darüber informieren …“ verspricht eine Wissensvermehrung, Information hat hier eine andere Bedeutung als in der Informationstechnik (Shannon) – da ist Information bedeutungsfrei. So wie die durch ein Rohr fließende oder gepumpte Flüssigkeitsmenge gemessen wird, ohne ihre qualitative Zusammensetzung zu berücksichtigen.
Bei der flächendeckend aufgedrängten Werbung fragt sich, ob die psychische Unversehrtheit verletzt ist. Denn wird nicht vernünftige Willensbildung und Entscheidungsfindung unterminiert? Außerdem belästigt sie oft, eine Variante des Stalking. Nur die körperliche Unversehrtheit in Art. 2 GG zu erwähnen impliziert, die seelische dem grundrechtlichen Schutz zu entziehen, was an eine lange Tradition anschloss, die erst bei Mobbing, Stalking, MeToo deutlich durchbrochen wird, auch wird die psychische Unversehrtheit durch das BVerfG unter „Allgemeines Persönlichkeitsrecht“ inzwischen in weitem Umfang geschützt.
Werbewirksamkeit ist das Ziel des Werbenden, wirksam ist sie, wenn der gewünschte Kaufimpuls ausgelöst oder der werbende Dienstleister, die werbende Partei auserwählt wird.
Werbung spricht ein Bedürfnis an, schafft es vielleicht erst, und kürzt die Suche nach einem Objekt, das dies Bedürfnis befriedigen könnte, ab, indem es das begehrte Objekt als schnell und günstig erreichbar präsentiert. Bedürfnis + Objekt, definiert D. Dörner, macht das Motiv.
Werbung muss Aufmerksamkeit erregen, ein verbreitetes Bedürfnis ansprechen und präsentiert dann in der Regel eine Traumwelt, eine illusionäre Vorstellung, baut gleichsam einen Übergangsraum (Winnicott). Sie transzendiert diesen, indem sie vorgaukelt, mit dem Erwerb oder der Nutzung von XYZ würde der Traum Wirklichkeit, das Bedürfnis befriedigt. Damit überschreitet sie die Grenze zwischen Fiktion und Wissen(-schaft) und verwischt diese – so auch am Filmset, wenn scharf geschossen wird. Dieser Einbruch der Realität führt zum Abbruch des Drehs. Eine deutliche Grenze ist unverzichtbar; der Vorhang fällt und damit ist sie markiert.
Werbung stört die Willensbildung und Entscheidungsfindung, trägt zur Wissensmehrung wenig bis nichts bei. Sie beeinträchtigt seelisches Funktionieren wie der Feinstaub das physiologische. Werbung ist eine höchst bedeutsame Manipulationstechnik.
Wenn ohne Werbung der Zutritt zu vielen Märkten unmöglich ist, muss sich Werbung vermehren. Da Aufmerksamkeit knapp ist, entbrennt ein Wettbewerb um Aufmerksamkeit, da die stofflichen und virtuellen Werbeflächen knapp und auch nicht beliebig vermehrbar sind, steigt der Preis. Da sich die Werbeflächen aber beträchtlich vermehrt haben, stehen die Adressaten vor dem Problem, auswählen zu müssen. Aus Sicht der Werbetreibenden muss ihre Werbung hervorstechen. Superlative sind ein taugliches Mittel und die Frage „Wer kann am superlativsten“ wird mit einer Inflation der Superlative beantwortet.
Wenn Umsatz wächst und Preis steigt und die Anforderungen an Werbung größer werden, um in der Konkurrenz um Aufmerksamkeit und Wirksamkeit zu bestehen, nehmen die Transaktionskosten zu. Der Werbungswettlauf hat durchaus Ähnlichkeit mit dem Rüstungswettlauf. Auch wenn die Waffen hier nicht Körper, sondern Seelen verletzen.
Werbung ist als für das Informationszeitalter relevante Immission zu sehen, deren Emission schon verhindert werden sollte, gegen die mindestens Immissionsschutz etabliert werden muss.

Es muss nicht immer Strafrecht sein: Sind die Maskendeals der Abgeordneten Nüßlein und Sauter sittenwidrig (§ 138 BGB)?

Das OLG München hat einer Beschwerde der beiden Abgeordneten gegen die Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft München wegen Verdachts der Abgeordnetenbestechlichkeit (§ 108e StGB) aus guten Gründen stattgegeben. Denn das Gesetz habe (absichtsvoll) solche außerhalb der unmittelbaren Abgeordnetentätigkeit liegenden Tätigkeiten von der Strafbarkeit ausgeschlossen. Das zu korrigieren sei die Justiz nicht befugt. Dagegen ist nichts einzuwenden. Das Gericht hat den Gesetzgeber gerügt. Die Folge ist, dass die mit einem Arrest belegten Honorare von, nun, nicht unbeträchtlicher Höhe, wieder freigegeben werden. Sauter reklamierte diese Entscheidung als Sieg und will wieder in die CSU-Landtags-Fraktion aufgenommen werden (SZ v. 19.11.21).
Selbst mir als Strafrechtler scheint diese unerbittliche Konzentration auf das Strafrecht durchaus befremdlich. Wenn nicht strafbar, dann rechtmäßig? Das Strafrecht soll, so die allgemeine (mit der Verfassung bestens vereinbare) Doktrin, immer nur das letzte Mittel sein, ultima ratio. Also: Alles, was bestraft werden soll, muss rechtswidrig sein, das gilt unangefochten. Aber nicht alles Rechtswidrige ist strafbar.
Dass die Deals moralisch anrüchig sind und bleiben, scheint auch niemand zu bezweifeln (SZ „Schmutzig, aber legal“, 19.11.21). Eine verbreitete Auffassung ist, dass Moral und Recht strikt zu trennen seien. Die moralische Entpflichtung von Unternehmern und Unternehmen, aber auch von politischen Subjekten – der freimütig lügende Boris Johnson gibt hier einen wahren Leuchtturm ab – ist weit fortgeschritten. Das neoliberale Mindset hat geradezu Genehmigungen zum Bösesein ausgestellt (J. Aldred, License to be Bad, 2019), L. Herzog (2018) fordert eine Remoralisierung des Systems und K. Pistor (Code of Capital) analysiert das moderne zivilrechtliche Mindset und die Unterminierung der Moral, beide ohne zu problematisieren, ob manches Moralwidrige nicht rechtswidrig ist.
Verloren gegangen ist, dass zahlreiche Vorschriften im BGB, aber auch anderen Gesetzen, einen Bezug auf Sittlichkeit und Moral enthalten und als fundamental gelten, „fundamental laws“, die Generalklausel des § 242 BGB mit ihrem Bezug auf Treu und Glauben ist ein hervorragendes Beispiel. Die Wahrheitspflicht des § 134 ZPO findet sich ähnlich in anderen Gesetzen (§ 150 AO z.B.) – wird in der justiziellen Praxis nicht immer ernstgenommen, Lügen als normal angesehen. Eine Wahrheitspflicht gilt auch für Beamte und Amtsträger. Ein „Recht zu lügen“ zu behaupten, scheint mir ein Indiz für moralische Erosion. Lügen als Ausdruck von Meinungsfreiheit anzusehen, ist auf diesem Hintergrund pervers. Vielleicht sollte man auch daran erinnern, dass A. Smith von einer solchen Moralverlorenheit weit entfernt war.
Der BGH hat kürzlich klargestellt, dass auch Unternehmen andere sittenwidrig schädigen können und das dies rechtswidrig ist und § 826 BGB als Anspruchsgrundlage in Anspruch genommen. [Das lauthals und verbreitet vorgetragene Verlangen nach business ethics könnte sich durch eine gute Rechtssozialisation erübrigen.]
Was die Maskendeals angeht und die Beteiligung der Abgeordneten als honorierte Vermittler und Verhandler wäre zu prüfen, ob § 138 BGB in seinen beiden Absätzen in Anschlag zu bringen ist: sittenwidrige (Abs. 1) und wucherische (Abs. 2) Rechtsgeschäfte sind nichtig. Dass die Masken zu „Mondpreisen“ angeboten und mit der Behauptung, wenn das Geschäft nicht schnell zustande komme, werde jemand anders die Masken bekommen, liefert doch recht kräftige Anhaltspunkte dafür. Dass die Honorare eine Höhe haben, die zu einer beobachtbaren Leistung in keinem angemessenen Verhältnis stehen, liefert auch Anhaltspunkte für Sittenwidrigkeit in dieser Richtung – zumal wenn man die näheren Umstände dieser Geschäfte betrachtet (vgl. die ausführliche Darstellung in der SZ v. 21.04.21 (Bayern) u. unter der Überschrift „Das Ultimatum“ 17.11.21)
Wenn die „öffentliche Hand“ die Nichtigkeit dieser Verträge nicht wenigstens versucht geltend zu machen, bin ich versucht, an Untreue zu denken. Denn der Schaden für die öffentliche Hand – überhöhte Preise gezahlt – ist immens, die Honorare wurden aus dem diesem Schaden korrespondierenden Vorteil – den Gewinnen aus den Deals – gezahlt.

Die XX-Ökonomie

Buchbesprechung: Scott, L. (2020) The Double X Economy. The Epic Potential of Women’s Empowerment. London (Faber & Faber) [dt.: Das weibliche Kapital; Hanser]

Patriarchen treffen an beiden Orten [sc. Afrika; USA] Entscheidungen für alle anderen – sie zwingen Frauen, die lieber Bildung und Autonomie anstreben würden, als sich der Erwartung stiller Dienstbarkeit und Selbstaufopferung zu beugen. Fruchtbarkeit wird auf beiden Kontinenten als stumpfes Instrument eingesetzt, wobei die afrikanischen Mädchen gezwungen werden, Kinder zu gebären, und die amerikanischen Frauen stark unter Druck gesetzt werden, die Mutterschaft für die Arbeit oder die Arbeit für die Mutterschaft aufzugeben. (S. 40)
Scott, eine Texanerin in Oxford, emeritierte Ökonomie-Professorin, kann auf der Basis zahlreicher feldnaher eigener Forschungen in Afrika, Asien und den reichen Ländern des globalen Nordens und eines großen und tief verankerten Überblicks eine Vorstellung von weiblicher Ökonomie verschaffen, die den Wirtschaftswissenschaften (aber auch den Rechts- und Gesellschaftswissenschaften) nicht in den Blick gerät oder als mehr oder minder unbedeutend angesehen ist. Das hat zur Folge, dass weibliche Arbeit ignoriert oder abgewertet, weibliche Investitionen unberücksichtigt bleiben. Frauen gelten als inkompetente Geschäftsleute, denen man eher keine Kredite geben, eher dunkelgraue Zukünfte ihrer Unternehmen prophezeien und nicht als bestimmende, führende, leitende Personen ansehen sollte. Die sich nicht eignen, Eigentum zu haben, eher, Eigentum zu sein, getauscht zu werden. Vater oder Ehemann können über sie verfügen und insbesondere die Einwirkung anderer auf sie verbieten (vgl. § 903 BGB: Der Eigentümer kann … mit der Sache nach Belieben verfahren und andere von jeder Einwirkung ausschließen). Auch ihre Eigenbewegungen unterdrücken und sanktionieren, oder jedenfalls lenken, oft in eine irrationale und für sie nachteilige Richtungen. Die Produkte der Frauen darf sich der jeweilige Bestimmer oft selbstverständlich aneignen. 70% der Sklaven – deren Zahl so groß ist wie nie – sind Frauen.
Die Gestalten und Gestaltungen der weiblichen Ökonomie sind vielfältig, sind anders in Uganda als im Vereinigten Königreich, anders in den USA als in Bangladesch, aber die zuvor genannten Aspekte kommen, bei variabler Ausprägung und diversen Mischungsverhältnissen, überall vor. Das zeigt Scott in lebensnaher und empathischer Darstellung von Forschungsergebnissen.
So viel Potential ungenutzt zu lassen, hat erhebliche ökonomische Auswirkungen. Wirtschaftliche Entwicklung stagniert, sozial- und umweltschädliche Produktion und Verteilung unter patriarchalem Kommando gehen unbehelligt weiter, was zu krisenhaften und gemeinwohlschädlichen Folgen führt. Die Weltbank schätzt, dass ärmere Länder, hielten sie Mädchen bis zur 12. Klasse in der Schule, zwischen 15 und 30 Billionen $ sparen könnten, die durch Verluste an Lebenszeit-Produktivität und Einkommen verloren gehen; die Kosten von Kinderheiraten betragen eine Billion$/Jahr (S. 32).
Wie schon das Eingangszitat andeutet, steht als organisierendes und in Organisation transformiertes Prinzip das Patriarchat, die Vaterherrschaft, nicht die Männerherrschart. Den Bruderschaften oder „Brüderhorden“ sind nicht Schwesternschaften entgegenzustellen, sondern Geschwisterlichkeit wird die Parole. Geschlechtsgemischte Teams schneiden am besten ab.
Je größer die Geschlechtergleichheit in einem Land, desto besser die mathematischen Leistungen der Frauen und umgekehrt (S. 140). Aber trotz besserer Ausbildung in den USA und im UK erhalten Frauen schlechtere Jobs und weniger Beförderung (S. 288). Einige Privatschulen in den USA senkten die Eintrittsschwellen für Jungen, um die Geschlechterbalance zu erhalten. Trotz solcher Bemühungen, die Mädchen fernzuhalten, sind 57% der Studierenden weiblich (S. 133). Ungleiche Bezahlung: weltweit liegt der Frauen Lohn bei 65% des männlichen.
Exzessive männliche (hier wäre besser: patriarchale) Dominanz, geht mit mehr Konflikt, Krieg und krimineller Gewalt einher, was Überleben bedroht (S. 17). Einige unbeherrschte Männer haben Autorität über die meisten vernünftigen Männer (S. 20). Ökonomische Schlechterstellung von Frauen hält sie in missbräuchlichen Beziehungen und bedingt mehr häusliche Gewalt gegen Frauen, was schätzungsweise 4 Billionen $ kostet.
Auch wenn Scott den kategorialen Sprung Chengs (vgl. Beitrag vom 6.11.21) terminologisch nicht nachvollzieht – er scheint ihr fast auf der Zunge zu liegen. Das patriarchalische Muster fördert ingressives Handeln und das steht der Ausschöpfung des menschlichen Potentials und damit der wirtschaftlichen Blüte im Wege. Congressives Handeln kann nur gedeihen, wenn die Strukturen und Prozesse passen, was einen „Musterbruch“ verlangt.
Der „Pfad zur Erlösung“ – Überschrift des 14. und letzten Kapitels – führt denn auch nicht darüber, dass ein Vater den Sohn martern und kreuzigen lässt. Vielmehr über die ökonomische Stärkung und Ermächtigung der Frau, die zu weniger Gewalt, ökonomischem Wachstum und besserer Reproduktion menschlicher Ressourcen führt. Die Stärkung der öffentlichen Betreuung, Erziehung und Bildung ist ein wesentlicher und unverzichtbarer Beitrag dazu.

De-Manipulations-Experimente

Das Thema des Blogs mag auf den ersten Blick nicht zu den einzelnen Beiträgen passen. Daher liefere ich eine Erläuterung.
Ein Experiment ist ein Versuch, hilft, eine kontrollierte Erfahrung zu machen (experience), die reflektiert werden kann und Aufschluss verspricht, ob bestimmte Tatsachen, Zusammenhänge, Prozesse gegeben sind oder nur imaginiert.
Manipulation beeinträchtigt eine rationale Entscheidungsfindung, was eine wenig rationale Entscheidung wahrscheinlich macht. Diese prozedurale Rationalität betrifft den Willensbildungsprozess. Je offener man für neue Informationen, neues Wissen, seine eigenen Gefühlsregungen und die der anderen ist, je realistischer die Situationswahrnehmung ist, die eigenen Wünsche, Tendenzen, Motivationen registriert und je besser die kognitive und emotionale Prozessen abgestimmt sind, desto wahrscheinlicher wird eine materiell rationale, vernünftige Entscheidung.
Äußere Einflüsse können im günstigen Fall dazu beitragen, das Weltwissen zu vermehren und die innere, kognitive und emotionale Situation aufzuhellen. Sie wirken bildend und resultieren in: Bildung und Einsicht.
Manipulativ sind äußere Einflüsse dann, wenn sie verbilden, eine gegebene Verbildung konservieren oder verstärken – Ignoranz, Verleugnung, Verkennung, Verdrängung, Projektion. Sowohl die Anfälligkeit, manipuliert zu werden als auch die Versuchung, zu manipulieren, korrelieren nicht mit Intelligenz. Karl Landauer, der Begründer des Frankfurter Psychoanalytischen Instituts, später Sigmund-Freud-Institut, hat schon (1929) darauf hingewiesen und Steven Pinker in seinem Buch zur Rationalität (2021) unterstreicht das (obwohl er der Psychoanalyse eher feindselig gegenüber steht).
Anlass, ein De-Manipulationsexperiment zu starten sind Irritation und/oder Unbehagen, zeigen sie doch kognitive oder emotionale Dissonanz an (zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust), die unbewusst gemacht sind, mindestens bagatellisiert (ist doch nichts Ernstes). Diese Anzeichen verweisen auf unbequeme Wahrheiten, die das Wohlbehagen stören.
Das Experiment beginnt, wenn man sich bequemt, das Unbehagen in Kauf zu nehmen, sich zur Aufrichtigkeit gegenüber sich selbst zu entschließen.
Wenn man die Dissonanzen erforscht, erkennt man, dass man sich in einem Konflikt, innerpsychisch und/oder sozial befindet. Schon die folgende Analyse des Konflikts ist mühsam und zeitraubend, und ihn zu lösen erst recht. Wenn er denn zu lösen ist – muss man doch oft erkennen, dass man unbequemerweise in einem Dilemma befangen ist, dass man es nicht ganz richtig und zumal nicht jedem recht machen kann. Das kränkt die Omnipotenz, wie die Psychoanalytiker das nennen.
Anfangs also ein Selbst-Experiment, eine kontrollierte Selbst-Erfahrung, in der man sowohl die kognitive wie emotionale Dimension und ihr Zusammenspiel erkundet.
Unbehagen, Zeit und Mühe, oft Auseinandersetzungen mit anderen sind Investitionen in Wohlbefinden und Wohlergehen, die sich am Ende in wieder gewonnenem Wohlbehagen auszahlen.
Gewonnene Einsichten mit anderen zu teilen suchen, stellt den zweiten Abschnitt des Experiments dar. Die Reaktionen der anderen geben oft Aufschluss, ob man tatsächlich manipuliert war oder sich in einfachem Irrtum befand. Werden die Ideen schnell und mit emotionaler Beteiligung (abwegig, absurd, unverständlich) beseite gefegt, indiziert das Manipulation, die bei den anderen noch anhält. Natürlich auch, wenn „ja, richtig, habe ich noch nie überlegt“ auftaucht. Bestreitet jemand dagegen die Triftigkeit der behaupteten Einsicht überzeugend, muss man eingestehen, dass man im ersten Abschnitt sich nicht demanipuliert, sondern in einen Irrtum begeben hat.

Der Schlange, die Teufel und das Weib

Vor einigen Wochen ärgerte ich mich neben der zunehmenden #Verrauterung vieler Texte auch über die Gender*i*n*n*n, weil sie sowohl meinen Lesefluss hemmen als auch mangelnde Aufmerksamkeit oder mangelndes Wissen zu unterstellen scheinen. Wie ich trotzdem auf die Idee kam, mich zu fragen, ob die paradiesische Schlange vielleicht männlich gewesen sei, kann ich nicht erinnern. Möglich, dass die nebenbei laufende Lektüre von Miltons „Verlorenes Paradies“ (da wäre mein Englisch überfordert) eine Rolle gespielt hat. Die wiederum durch Lawrence Lessigs „Republic Lost“ angestoßen wurde. Die wiederum … Aber ich schweife ab.

Ich befragte ein hebräisches und danach auch ein griechisches Wörterbuch im Netz und, sieh da, männlich in beiden Sprachen. Die Menschenschlange im Griechischen: neutrum. 

Im Deutschen würde man niemals zu einem Mann sagen „Du alte Schlange“. Schlange ist von der gespalteten Zunge und Gift bis zum ringelnden Ende weiblich durch und durch. Die hebräische Bibelübersetzung von Buber/Rosenzweig, die seit Jahren wenig benutzt in meinem Regal steht, übersetzt, ohne Zögern und Fußnote, ins „die“. 

Die hebräische Mythologie von Ranke-Graves, die ich nach Lektüre seiner griechischen ins Regal gestellt, aber nie gelesen hatte, klärt dann darüber auf, dass der Schlange ein gefallener Engel ist. Die subtile Kenntnis des göttlichen Innenlebens „…damit ihr nicht werdet wie er“ und „damit ihr nicht noch vom Baum des ewigen Lebens esst“ (Ja, 2 verbotene Bäume im Paradies!) in rein männlich besetzten Himmel bei einer Frau hätte uns schon immer überraschen müssen. Die hier zu findende Geschichte der Schöpfungsgeschichte ist aufschlussreich in vieler Hinsicht. Eva war zuvor eine Göttin, jedenfalls im Glauben der Völker rundum. War sie also vorher verkannt und nun erkannt? Oder umgekehrt?

Bei Milton tauchen in der Hölle Frauen als Akteure auf, die als „du alte Teufel“ anzusprechen sein könnten. Obwohl hebräisch der Teufel durch und durch männlich ist, der Satan auch. 

Der Schlange brachte mich dazu, meine Aversion gegen die #Gendere*i*i zu überdenken.

…Der Vater starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Der Sohn lebte noch aber sein Zustand war sehr ernst. …wurde er in den Operationssaal geschoben, wo das Chirurgenteam auf ihn wartete. Jemand im Chirurgenteam sagte: „Ich kann nicht mit operieren, das ist mein Sohn“. (Hofstadter „Die Veränderung stillschweigender Annahmen, hervorgerufen durch Bewusstseinswandel“, in: Metamagicum, 1988).

Hofstadter habe ich 1989 gelesen und war überzeugt, dass man sprachlich den stillschweigenden Annahmen widersprechen müsse, hier: Chirurg sei ein Mann. (Ob das heute noch funktioniert oder sich doch schon was geändert hat?)

Gendered Words, schreibt Cheng (in x+y, S. 77; s. Beitrag letzte Woche) können einen Zirkel stiften, von Worten als Verhaltens-Vorschrift, zum vorschriftsmäßigen Verhalten, zu dessen Beschreibung, zu den Worten zurück, deren Bedeutung weiter aufgeladen und ausgerichtet wird. Die Einsicht bringt die Aversion gegen ** nicht zum Verschwinden.

Mein Vorschlag wäre, in allen Fällen des generischen Maskulinums oder Femininums für die übergreifende Kategorie das generische Neutrum zu wählen:

Rabe 

Rabenkrähe

Katze

Luchs

Fink

Meise

Salamander

Echse und nicht zuletzt:

Mensch, Chirurg, Forscher…

Schwein, x-Hörnchen, Krokodil, Pferd leben, warum auch immer, schon lange damit, ohne Anstoß zu nehmen. Könnten wir das auch lernen? Vom Erdmännchen zu lernen, wäre zu viel verlangt, oder? Warum eigentlich heißt es „das Weib“? Ist das nicht ein innerer Widerspruch? Warum gibt es dagegen keinen Protest?

x+y: A Mathematician’s Manifesto for Rethinking Gender Eugenia Cheng (Profile 2020)–Besprechung

Cheng lehrte „Reine Mathematik“ in Sheffield an der mathematischen Fakultät und verließ diese der patriarchalischen Strukturen wegen. Unterdessen lehrt sie an einer Kunsthochschule in Chicago, d.h. sie lehrt Künstler Mathematik, eine Kunst für sich. Ihre Bücher zeugen davon, dass sie diese Kunst beherrscht.

x+y= ?  Das Ergebnis hängt nicht nur vom Wert der Variablen, sondern auch von deren Kategorie ab. Welche Kategorien passen, hängt auch von der jeweiligen Umgebung, dem Kontext ab.

Kategorienbildung ist ein wesentlich in der Mathematik. Cheng, als Kategorientheoretikerin ist darauf spezialisiert und sie führt ein Stück ein, so dass man ihren Aufruf „gender“ neu zu denken, gut nachvollziehen kann.

Gendered Thinking – Ungendered Thinking. So sind die beiden Teile des sieben Kapitel umfassenden Buches umschrieben.

Während man gendered umstandslos mit geschlechtsspezifisch übersetzen kann, ist ungendered auch als unverfälscht zu verstehen. 

Das geschlechtsspezifische Denken verfälscht: Was im Kontext von Gleichstellung von Frau und Mann, im Geschlechterkampf verhandelt wird, wäre vielfach besser zu verstehen als Konflikt zwischen ingressivem und congressivem Umgang miteinander, als Unterschied in Kommunikation und Interaktion. Ingressiv bedeutet „eintrichternd“ oder „einflößend“ und aus dem medizinischen in den sozialen Bereich übertragen. (Dass dem eine aggressive Komponente zukommt, wird nicht eigens betont.) Congressive hingegen bezieht sich auf die wechselseitige Bereicherung durch Verbreitung von Wissen, im Gespräch gewonnenen besseren Verständnis, Debatten, in denen es nicht um Gewinnen und Recht haben geht, respektvollem und achtsamen Umgang miteinander, wie es für gelingende Erziehung, Ausbildung, Forschung mehr als nützlich ist.

Eine Frauenquote hilft nicht weit, wenn ingressive Kultur konserviert bleibt. 

Was als geringer Frauenanteil erscheint, ist eine Verdrängung congressiven Handelns aus ingressiven Strukturen und „Betriebssystemen“ heraus. Männer, die ein betont congressives Potential haben, finden keine Aufnahme oder wollen sie nicht, die anderen Männer und die Frauen werden gedrängt, congressives Handeln zu unterdrücken und ingressives zu leben.

Die Verfälschung trägt zum kontinuierlichen Erhalt vaterherrschaftlicher Strukturen, Habitus und Verhalten bei: Patriarchat ist Herrschaft über Töchter und Söhne, nicht der Männer über die Frauen.

Cheng zeigt, wie ingressive Strukturen in vielen Bereichen, in denen keine Ressourcenknappheit herrscht und daher keine Verteilungskämpfe geführt werden müssten, wachsen, von Demokratie, Justiz, Wissenschaft (nicht nur Mathematik) bis hin zu Musik (sie selbst ist Pianistin). Orientierung auf Wettbewerb, Exzellenz, Auszeichnungen und „Superstar-Idolisierung“ hindern congressives Verhalten. Damit schädigen sich nicht nur einzelne, die über entsprechende Fähigkeiten und Motivationen verfügen, sondern auch Demokratie, Bildung, Wissenschaft nehmen Schaden, bleiben hinter ihrem produktiven Potential zurück.

Cheng weist aber auch in Bezug auf die genannten Bereiche auf individuelle und kooperative Möglichkeiten hin, congressives Handeln zu stärken und ingressive Strukturen erodieren zu lassen.

Das Buch stiftet an, eingefahrene Denkmuster in Frage zu stellen und bietet eine Alternative, regt auch an, anderes neu zu denken.Dazu kann auch Chengs vorheriges Buch beitragen, „The Art of Logic“ (Profile 2018), das auf ingressive Art den Leser in diese Kunst einführt.