Trügerischen Hoffnungen und trüben Vorstellungen entkommen – Blog von Dirk Fabricius

Monat: Oktober 2021

Die Familie als Unternehmen, der Heiratsmarkt (auch) als Arbeitsmarkt

Wenn man der „Verneinung der ökonomischen Grundlagen der menschlichen Existenz“ entkommt, erkennt man Tätigkeit in der Familie, in „Haus und Garten“, Pflege, Erziehung, Fürsorge als Arbeit, die Familie als (Re-) Produktionsstätte nicht nur von Arbeitskräften,  sondern von Bürgern. Wie alle Produktionsstätten bedürfen sie der Bestands- (z.B.  Wohnung, Kühlschrank, Bett) wie der Verbrauchsressourcen (z.B. Nahrung, Wasser, Elektrizität), der Investitionen.

Die Reproduktion bedarf des mütterlichen – anfangs weitaus mehr – wie väterlichen Investments, wie die Biologen das ungeniert nennen, und einer Menge Arbeit, die die Arbeit des Nachwuchses bei der Selbsterzeugung erst erfolgreich macht. Abgesehen davon, dass der Nachwuchs gefüttert, gewärmt und gesund erhalten werden will und soll. Lust und Liebe sind, wie im vorigen Beitrag gesagt, gerade hier entscheidende Produktionsfaktoren. Lust- und Lieblosigkeit hat zumal bei Kindern gravierende und nur schwer zu heilende Schäden zur Folge. Sie können nicht abwandern und haben nur geringe Verteidigungs- und Widerspruchsmöglichkeiten.

Die Erhaltung und „Wartung“ – maintenance – der Erwachsenen, Regeneration, Heilung, Pflege – verlangt auch Arbeit und Hilfsmittel, (ist hier nicht unter Reproduktion subsumiert).

Von diesem nüchternen Ausgangspunkt gesehen sollte einem Zusammenschluss – traditionell: Heirat – zu einer Familie eine Abschätzung der Arbeits- und Investitionsfähigkeit wie -bereitschaft der Beteiligten vorausgehen und über die faire Verteilung von Aufwand und Ertrag, Vorteilen und Kosten, der Einlagen durch Vermögen oder Arbeit verhandelt werden.

Insofern ist Familie rechtlich eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (§ 705 BGB) (besonderer Prägung), ökonomisch eine Unternehmung.

Im industriegesellschaftlichen Modell mit dem Mann und Vater in erster Linie als „Ernährer“, der den Unterhalt für Frau und Kinder und die notwendigen Investitionen aus dem Ertrag seiner Lohnarbeit leistet, erbringt die Frau ihre Einlage in die Gesellschaft – von der Aussteuer abgesehen – durch Erledigung fast aller familiären Arbeiten, Mann und Kindern zu Diensten. Der nach einer Partnerin Ausschau haltende Mann sucht also auch eine, möglichst qualifizierte, Arbeitskraft, eine gute Hausfrau und Mutter, die Frau einen fleißigen, qualifizierten (und möglichst vermögenden) Mann, der aus seiner Lohnarbeit, der Vermietung seiner Arbeitskraft, reichlich Gewinn zu ziehen verspricht, aus welchem in die Familie investiert wird.

Die Verneinung der ökonomischen Grundlagen der Familie hat zur Folge, dass sich die Beteiligten häufig zieren, die genannten Punkte zum Verhandlungsgegenstand zu machen, sich darauf beschränken, sich wechselseitig zu taxieren.

Die Familienarbeit nicht als solche anzuerkennen bedeutet in dem skizzierten Modell, die Verhandlungsposition der Frau zu schwächen – „das bisschen Haushalt …“ und „meine fürsorgliche Treue sei dir Lohn genug“. Generell ist damit auch eine Entwertung von Erziehung, Lehre, Pflege und Fürsorge verbunden, von der nicht nur Frauen betroffen sind, wie im nächsten Beitrag gezeigt werden soll. Schließlich entziehen sich die familiären Arbeiten dem Blick der Arbeitsökonomie und  korrespondierenden marktwirtschaftlichen  Betrachtungen.  Untersuchungen zum Heiratsmarkt sind selten, als Arbeitsmarkt wird er nicht erkannt, auch nicht als einer, wo Investoren nach Investitionsmöglichkeiten Ausschau halten. Das Familien- und das flankierende Sozialrecht haben die Benachteiligung der Frauen hinsichtlich ihrer sozialen und ökonomischen Selbstbestimmung gemindert, aber nicht im gebotenen Umfang aufgehoben.

Die für die familiale Unternehmung erforderlichen Investitionen als Konsum und Verbrauch zu bezeichnen, trübt den Blick der Wirtschafts- wie der Rechtswissenschaften weiter. Das hat dann auch zur Folge, dass die Verbraucher am Ende die Mehrwertsteuer tragen, niemand mehr da, auf den man sie überwälzen könnte.

Eine gesunde ökonomische Lage der Familie liefert Lust und Liebe, die wir dort so sehr erhoffen, die Basis. Die fehlt vielen Familien mit der Folge von Trennung, Alleinerziehenden und armen Kindern, arm in vieler Hinsicht.

Mit diesen Überlegungen sind wir der Antwort auf die Frage, was die Funktion der Verneinung ist, woher das Motiv dazu stammt, etwas näher gerückt. Die sog. „Abwehrmechanismen“ in der Psychoanalyse, zu denen die Verneinung gehört, helfen in Konfliktlagen, sozial oder innerpsychisch, einen Kompromiss zu finden, der mit dem Konflikt  zu leben erträglich macht, aber eine Lösung erspart, eine Ersparnis, die langfristig sie übersteigende Kosten nach sich zieht, die nicht ökonomischer Natur sein müssen.

Die Verausgabung von Kraft und Geist: Arbeit, Lust & Liebe

Individuals seek to maximize their well-being by consuming goods (such as fancy cars and nice homes) and leisure. […] The economic trade-off is clear: If we do not work, we can consume a lot of leisure, but we have to do without the goods and services that make life more enjoyable.

Borjas, Labor Economics, S. 21

Manchmal braucht es Jahrzehnte, bis Wissen sich in Einsicht umsetzt. Seit Jahrzehnten wusste ich, nicht erst seit dem Vorwerk-Clip „Ich führe ein kleines Familienunternehmen“,  dass in Familien reichlich Arbeit anfällt und verteilt werden muss, auch aus eigener Erfahrung. Abgesehen davon, dass viele Investitionen erforderlich sind.  Ich wusste auch,  dass diese Tatsachen in den Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nicht wirklich anerkannt sind, geschweige denn angemessen berücksichtigt.

Als ich die zitierten Sätze las, kam mir die Erleuchtung, die zugleich den Fragenden in mir weckte. Was ist Arbeit? Ist der Heiratsmarkt (auch) ein Arbeitsmarkt, die Familie eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, warum gibt es kein Lehrbuch der Familienwirtschaft z.B.?Davon wird in kommenden Beiträgen die Rede sein.

Zu grotesk oder absurd leuchteten die Behauptungen auf, außer Lohnarbeit gebe es nur Konsum und Freizeit,  zwischen mehr Konsum und weniger Freizeit gelte es zu wählen.  Mehr Konsum verlangt mehr Lohnarbeit. Die Wegezeit der Bauarbeiter und der Pendler zählt auf Anhieb auch zur Freizeit.

Von einem Lehrbuch zu Arbeits-Ökonomie wie Borjas‘ erwartet man, aufgeklärt zu werden, was Arbeit ist, welche Arten von Arbeit es gibt, welche Rolle Arbeit wirtschaftlich spielt, wie sie verteilt wird,   die ArbeiterInnen (re-)produziert werden und wer die notwendigen Investitionen tätigt. Diese Erwartung wird enttäuscht. Von S. 2 an ist es ein Buch über Arbeitsmarkt-Ökonomie. Ich musste mir eingestehen, dass ich selbst nur einen schwammigen Arbeitsbegriff habe, insbesondere mir ein Konzept von „geistiger Arbeit“ fehlt. Meine Ignoranz – nicht nur meine, wie ich schnell merkte. Aber das stelle ich zurück, halte fest, dass geistige Arbeit anders ist als körperliche, sie häufig verwoben sind, die eine ohne die andere nicht erfolgreich ist. Geistige Arbeit selbst hat eine kognitive und eine emotionale Dimension – im Englischen mit mind and spirit zu unterscheiden – die von unterschiedlicher relativer Bedeutung sein können, keine aber jemals fehlen dürfte. Körperliche, geistige und seelische Arbeit.  Üben, Lernen, Kommunizieren, Bindungen eingehen, gestalten und erhalten – alles Arbeit.

Die emotionale Seite sei mit Lust und Liebe angesprochen. Sie zu beleuchten hilft, die befremdliche Verneinung von Haushalts-, Erziehungs- und Beziehungstätigkeit als Arbeit besser zu verstehen.

“Lust und Liebe zum Ding,  macht Müh‘ und Arbeit gering”.  Nicht nur der (sexuellen,  sozialisatorischen) Reproduktion der Individuen sind Lust und Liebe dienlich.  Allerdings geht das Sprichwort fehl,  wenn es behauptet,  die Arbeit wäre dadurch gering.  Vielmehr wird Arbeit in sich lustvoll (“flow”) oder die erwartete Befriedigung aus dem Ergebnis und dessen Konsumtion motiviert,  vergnügt.

Liebe verweist darauf, dass Menschen der Beziehungen und Bindungen bedürfen und auf die Kunst, die erforderlich ist, solche zu gestalten. Der Mensch ist, wie Tomasello (Mensch Werden; 2021) jüngst eindrucksvoll gezeigt hat, ein kooperatives Tier, das einzige kooperative Tier. Kooperation ist angesichts knapper Ressourcen und Ressourcenkonflikten, Abhängigkeiten, Bedrohungen oft nicht leicht aufzubauen und störbar. Arbeit, von Wut, Hass und/oder Verachtung   getrieben,   leitet zum „Kriegshandwerk“ jeder Art. Vernichten, Rauben, Ausbeuten und Plündern sind Arbeit. Lieblose Arbeit, mag sie auch lustvoll sein, verdirbt.  Liebe verweist darauf, dass Menschen der Beziehungen und Bindungen bedürfen und auf die nötige Kunst, solche zu gestalten. Möchte man dem Künstler absprechen, dass er arbeitet?

Stimmt man dem zu, wirkt die Entgegensetzung von Arbeit und Freizeit, die Work-Life-Balance auch – wäre man arbeitend dann doch leblos –, erst recht befremdlich. Wenn es heißt „Arbeit ist das halbe Leben“ ist mit Arbeit unterschwellig nur Lohnarbeit gemeint, immerhin gehört diese dann zum Leben,  aber dass jenseits der Lohnarbeit auch ungeheuer viel gearbeitet wird, wird ausgeblendet.

Pflege, Fürsorge, Erziehung, Lehren und soziale Pädagogik als Arbeit zu sehen und damit als wirtschaftlichen Faktor trägt mir vielleicht den Vorwurf ein, ich ökonomisierte einen heiligen Bezirk. Umgekehrt, wenn ich Lust, Liebe und Vergnügen in die berufliche, die Lohnarbeit einführe, liefere ich ein Argument zu Lohnsenkung. Denn Vergnügen gelte doch als Bezahlung genug.

Bourdieu (Meditationen, 1997, S. 242) spricht von der „kollektiven Verneinung der ökonomischen Grundlagen der menschlichenExistenz“,  die sich in Beziehung auf Religion, Kunst und Familie erhalte.

Der Wirtschaft und der Lohnarbeit ihre geistig-seelischen Dimension abzusprechen, ist die komplementäre Verneinung. Womit wir einen Zeh in den Strudel der Psychoanalyse gesteckt hätten.

Wir bezahlen Facebook mit Geld

In der Debatte um eine kartellrechtliche Restriktion von Facebook wurde kürzlich die Behauptung wiederholt, das Kartellamt habe es schwer, weil wir mit unseren Daten und nicht mit Geld zahlten. Darauf sei das Kartellrecht nicht vorbereitet. Das ist eine trügerische Behauptung. Zum einen umfasst das „Wir“ nur Facebook-Nutzer Wir(1), Facebook-Dienst-Verweigerer zahlten demnach nicht.

Richtig ist hingegen, dass wir, als die Gesamtheit aller Kunden von Produktions-, Handels- und Dienstleistungsunternehmen, die bei Facebook werben, Geld an Facebook zahlen – Wir( 2).

Die Behauptung, Wir (1) zahlten mit Daten, ist so richtig wie die, die Goldmine zahlte für das Minieren mit ihrem Gold, oder, beim Organraub, die Person, die mit nur noch einer Niere das Krankenhaus verlässt, während sie mit zweien hineingegangen ist, zahle für die Operation mit ihrer Niere. Diese Vergleiche sind nicht vollkommen, denn die Daten (Informationen) werden nicht entnommen, gehen dem Nutzer nicht verloren. Vielmehr wird Wissen verbreitet, was in einer neutralen Umgebung eher wünschenswert ist. In strafrechtlichen Vernehmungen muss darüber belehrt werden, dass „alles, was Sie sagen, gegen Sie verwendet werden kann.“

Werden die von Facebook-Nutzern gewonnen Informationen gegen sie verwendet? Facebook hat wirtschaftlich betrachtet inzwischen eine oligopolistische Stellung auf dem Werbemarkt, was einen Eingriff des Kartellamts rechtfertigen könnte. Diese konnte es dadurch gewinnen, dass es „Datamining“ betrieb und die Wünsche und Begehrlichkeiten der Nutzer und damit allgemeine Kauftendenzen erkennen und Werbetreibenden passgenaue Adressaten vermitteln konnte. Diese Vermittlung wird bezahlt.

Werbung ist ein Manipulationsmittel, darauf angelegt, die freie Willensbildung zu beeinträchtigen. Manipulation ist mithin ein aggressiver Akt. Facebook nimmt quasi die Rolle des Ermittlers im Strafverfahren ein, oder der schönen Spionin, der nachts im Bett die wichtigsten Geheimnisse bereitwillig erzählt werden. Die Umgebung des strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens ist eine von Kampf, denn der Verdächtige tut gut daran, sich eines Verteidigers zu bedienen, Angreifer ist die Staatsanwaltschaft.

Die Umgebung der Werbetreibenden ist ebenfalls eine kämpferische, denn die Werbeadressaten sollen in ihrer Willensfreiheit beschränkt werden. Klug ist, sich dagegen zu verteidigen. Facebook sammelt, so könnte man sagen, Gesichtsabdrücke, die dann auf Gesichtsausdrücke abgetastet werden. Die Manipulateure nutzen das Wissen um unsere Begehrlichkeiten und Ängste wie der Einbrecher das gekippte Küchenfenster.

Nun sind die von den Werbetreibenden an Facebook zu entrichtenden Beträge Kosten, die auf die Auftraggeber, d.h. die Produzenten, Händler oder Dienstleister umgelegt werden. Diese wiederum kalkulieren diese Kosten in die Preise ein.

Was als Produkt- oder Dienstleistungspreis erscheint und ausgewiesen ist, ist in der Sache zu einem Teil ein Preis für Facebook. Diesen Preis zahlen aber nun alle Käufer dieser Produkte, ob Facebook-Nutzer oder nicht. Wir(2) zahlen die Werbung und finanzieren Facebook über eine Art „Lieferkette“, die allerdings im Untergrund den Blicken entzogen ist. Das ist vom marktwirtschaftlichen Ideal des Aushandelns von Leistung und Gegenleistung ebenso weit entfernt von den Fundamenten des Privatrechts, wo es um irrtums- und von tendenziöser Beeinflussung freie Willenserklärungen geht, die am Ende, wenn sie übereinstimmen, Grundlage eines Vertrages bilden. Die skizzierte „Lieferkette“ bildet einen trügerischen Gesamtzusammenhang, der eine mehrfache Ausbeutung der „Endverbraucher“ bewirkt, der auch hier zum Endzahler wird.