Trügerischen Hoffnungen und trüben Vorstellungen entkommen – Blog von Dirk Fabricius

Kategorie: Rezension

Die XX-Ökonomie

Buchbesprechung: Scott, L. (2020) The Double X Economy. The Epic Potential of Women’s Empowerment. London (Faber & Faber) [dt.: Das weibliche Kapital; Hanser]

Patriarchen treffen an beiden Orten [sc. Afrika; USA] Entscheidungen für alle anderen – sie zwingen Frauen, die lieber Bildung und Autonomie anstreben würden, als sich der Erwartung stiller Dienstbarkeit und Selbstaufopferung zu beugen. Fruchtbarkeit wird auf beiden Kontinenten als stumpfes Instrument eingesetzt, wobei die afrikanischen Mädchen gezwungen werden, Kinder zu gebären, und die amerikanischen Frauen stark unter Druck gesetzt werden, die Mutterschaft für die Arbeit oder die Arbeit für die Mutterschaft aufzugeben. (S. 40)
Scott, eine Texanerin in Oxford, emeritierte Ökonomie-Professorin, kann auf der Basis zahlreicher feldnaher eigener Forschungen in Afrika, Asien und den reichen Ländern des globalen Nordens und eines großen und tief verankerten Überblicks eine Vorstellung von weiblicher Ökonomie verschaffen, die den Wirtschaftswissenschaften (aber auch den Rechts- und Gesellschaftswissenschaften) nicht in den Blick gerät oder als mehr oder minder unbedeutend angesehen ist. Das hat zur Folge, dass weibliche Arbeit ignoriert oder abgewertet, weibliche Investitionen unberücksichtigt bleiben. Frauen gelten als inkompetente Geschäftsleute, denen man eher keine Kredite geben, eher dunkelgraue Zukünfte ihrer Unternehmen prophezeien und nicht als bestimmende, führende, leitende Personen ansehen sollte. Die sich nicht eignen, Eigentum zu haben, eher, Eigentum zu sein, getauscht zu werden. Vater oder Ehemann können über sie verfügen und insbesondere die Einwirkung anderer auf sie verbieten (vgl. § 903 BGB: Der Eigentümer kann … mit der Sache nach Belieben verfahren und andere von jeder Einwirkung ausschließen). Auch ihre Eigenbewegungen unterdrücken und sanktionieren, oder jedenfalls lenken, oft in eine irrationale und für sie nachteilige Richtungen. Die Produkte der Frauen darf sich der jeweilige Bestimmer oft selbstverständlich aneignen. 70% der Sklaven – deren Zahl so groß ist wie nie – sind Frauen.
Die Gestalten und Gestaltungen der weiblichen Ökonomie sind vielfältig, sind anders in Uganda als im Vereinigten Königreich, anders in den USA als in Bangladesch, aber die zuvor genannten Aspekte kommen, bei variabler Ausprägung und diversen Mischungsverhältnissen, überall vor. Das zeigt Scott in lebensnaher und empathischer Darstellung von Forschungsergebnissen.
So viel Potential ungenutzt zu lassen, hat erhebliche ökonomische Auswirkungen. Wirtschaftliche Entwicklung stagniert, sozial- und umweltschädliche Produktion und Verteilung unter patriarchalem Kommando gehen unbehelligt weiter, was zu krisenhaften und gemeinwohlschädlichen Folgen führt. Die Weltbank schätzt, dass ärmere Länder, hielten sie Mädchen bis zur 12. Klasse in der Schule, zwischen 15 und 30 Billionen $ sparen könnten, die durch Verluste an Lebenszeit-Produktivität und Einkommen verloren gehen; die Kosten von Kinderheiraten betragen eine Billion$/Jahr (S. 32).
Wie schon das Eingangszitat andeutet, steht als organisierendes und in Organisation transformiertes Prinzip das Patriarchat, die Vaterherrschaft, nicht die Männerherrschart. Den Bruderschaften oder „Brüderhorden“ sind nicht Schwesternschaften entgegenzustellen, sondern Geschwisterlichkeit wird die Parole. Geschlechtsgemischte Teams schneiden am besten ab.
Je größer die Geschlechtergleichheit in einem Land, desto besser die mathematischen Leistungen der Frauen und umgekehrt (S. 140). Aber trotz besserer Ausbildung in den USA und im UK erhalten Frauen schlechtere Jobs und weniger Beförderung (S. 288). Einige Privatschulen in den USA senkten die Eintrittsschwellen für Jungen, um die Geschlechterbalance zu erhalten. Trotz solcher Bemühungen, die Mädchen fernzuhalten, sind 57% der Studierenden weiblich (S. 133). Ungleiche Bezahlung: weltweit liegt der Frauen Lohn bei 65% des männlichen.
Exzessive männliche (hier wäre besser: patriarchale) Dominanz, geht mit mehr Konflikt, Krieg und krimineller Gewalt einher, was Überleben bedroht (S. 17). Einige unbeherrschte Männer haben Autorität über die meisten vernünftigen Männer (S. 20). Ökonomische Schlechterstellung von Frauen hält sie in missbräuchlichen Beziehungen und bedingt mehr häusliche Gewalt gegen Frauen, was schätzungsweise 4 Billionen $ kostet.
Auch wenn Scott den kategorialen Sprung Chengs (vgl. Beitrag vom 6.11.21) terminologisch nicht nachvollzieht – er scheint ihr fast auf der Zunge zu liegen. Das patriarchalische Muster fördert ingressives Handeln und das steht der Ausschöpfung des menschlichen Potentials und damit der wirtschaftlichen Blüte im Wege. Congressives Handeln kann nur gedeihen, wenn die Strukturen und Prozesse passen, was einen „Musterbruch“ verlangt.
Der „Pfad zur Erlösung“ – Überschrift des 14. und letzten Kapitels – führt denn auch nicht darüber, dass ein Vater den Sohn martern und kreuzigen lässt. Vielmehr über die ökonomische Stärkung und Ermächtigung der Frau, die zu weniger Gewalt, ökonomischem Wachstum und besserer Reproduktion menschlicher Ressourcen führt. Die Stärkung der öffentlichen Betreuung, Erziehung und Bildung ist ein wesentlicher und unverzichtbarer Beitrag dazu.

x+y: A Mathematician’s Manifesto for Rethinking Gender Eugenia Cheng (Profile 2020)–Besprechung

Cheng lehrte „Reine Mathematik“ in Sheffield an der mathematischen Fakultät und verließ diese der patriarchalischen Strukturen wegen. Unterdessen lehrt sie an einer Kunsthochschule in Chicago, d.h. sie lehrt Künstler Mathematik, eine Kunst für sich. Ihre Bücher zeugen davon, dass sie diese Kunst beherrscht.

x+y= ?  Das Ergebnis hängt nicht nur vom Wert der Variablen, sondern auch von deren Kategorie ab. Welche Kategorien passen, hängt auch von der jeweiligen Umgebung, dem Kontext ab.

Kategorienbildung ist ein wesentlich in der Mathematik. Cheng, als Kategorientheoretikerin ist darauf spezialisiert und sie führt ein Stück ein, so dass man ihren Aufruf „gender“ neu zu denken, gut nachvollziehen kann.

Gendered Thinking – Ungendered Thinking. So sind die beiden Teile des sieben Kapitel umfassenden Buches umschrieben.

Während man gendered umstandslos mit geschlechtsspezifisch übersetzen kann, ist ungendered auch als unverfälscht zu verstehen. 

Das geschlechtsspezifische Denken verfälscht: Was im Kontext von Gleichstellung von Frau und Mann, im Geschlechterkampf verhandelt wird, wäre vielfach besser zu verstehen als Konflikt zwischen ingressivem und congressivem Umgang miteinander, als Unterschied in Kommunikation und Interaktion. Ingressiv bedeutet „eintrichternd“ oder „einflößend“ und aus dem medizinischen in den sozialen Bereich übertragen. (Dass dem eine aggressive Komponente zukommt, wird nicht eigens betont.) Congressive hingegen bezieht sich auf die wechselseitige Bereicherung durch Verbreitung von Wissen, im Gespräch gewonnenen besseren Verständnis, Debatten, in denen es nicht um Gewinnen und Recht haben geht, respektvollem und achtsamen Umgang miteinander, wie es für gelingende Erziehung, Ausbildung, Forschung mehr als nützlich ist.

Eine Frauenquote hilft nicht weit, wenn ingressive Kultur konserviert bleibt. 

Was als geringer Frauenanteil erscheint, ist eine Verdrängung congressiven Handelns aus ingressiven Strukturen und „Betriebssystemen“ heraus. Männer, die ein betont congressives Potential haben, finden keine Aufnahme oder wollen sie nicht, die anderen Männer und die Frauen werden gedrängt, congressives Handeln zu unterdrücken und ingressives zu leben.

Die Verfälschung trägt zum kontinuierlichen Erhalt vaterherrschaftlicher Strukturen, Habitus und Verhalten bei: Patriarchat ist Herrschaft über Töchter und Söhne, nicht der Männer über die Frauen.

Cheng zeigt, wie ingressive Strukturen in vielen Bereichen, in denen keine Ressourcenknappheit herrscht und daher keine Verteilungskämpfe geführt werden müssten, wachsen, von Demokratie, Justiz, Wissenschaft (nicht nur Mathematik) bis hin zu Musik (sie selbst ist Pianistin). Orientierung auf Wettbewerb, Exzellenz, Auszeichnungen und „Superstar-Idolisierung“ hindern congressives Verhalten. Damit schädigen sich nicht nur einzelne, die über entsprechende Fähigkeiten und Motivationen verfügen, sondern auch Demokratie, Bildung, Wissenschaft nehmen Schaden, bleiben hinter ihrem produktiven Potential zurück.

Cheng weist aber auch in Bezug auf die genannten Bereiche auf individuelle und kooperative Möglichkeiten hin, congressives Handeln zu stärken und ingressive Strukturen erodieren zu lassen.

Das Buch stiftet an, eingefahrene Denkmuster in Frage zu stellen und bietet eine Alternative, regt auch an, anderes neu zu denken.Dazu kann auch Chengs vorheriges Buch beitragen, „The Art of Logic“ (Profile 2018), das auf ingressive Art den Leser in diese Kunst einführt.