Angst, Schmerz, Ohnmacht, Trauer, Neid, Wut, Gier (von Hab- bis Neu-), Schuldgefühl, gelten vielfach als negativ, Mut, Freude, Lust, Stolz, Triumph, Sättigung, Geborgenheitsgefühl als positiv. Depression, Resignation und Pessimismus als negativ, Optimismus als positiv – Manie wird, seltsam, nicht genannt.
Bei Schadenfreude, Waghalsigkeit z.B. bleibt man als Beobachter ambivalent.
Die „Positive Psychologie“, die Sache und die Bezeichnung, stammen von Martin Seligmann, der für seine Untersuchung der „Erlernten Hilflosigkeit“ berühmt ist. Er kreierte sie, nachdem er die Untersuchung negativer Gefühle abgeschlossen hatte.
Wenn Angst und Schmerz als ‚negativ‘ gelten, liegt es nahe, sie zu töten und einen ‚Killer‘ zu ordern. Das hat vielfach tödliche Folgen, wie man an der „Opioid-Krise“ in den USA prominent und mit Schrecken (negativ!) beobachtet.
Ohne Möglichkeit zu Angst und Schmerz wären wir schon ausgestorben. Alle negativen Gefühle sind wichtig für das Überleben und eine soziale, kooperative Umwelt. Sie helfen uns, die Umwelt auf Gefahren abzutasten und darauf einzustellen, Verletzungen zu registrieren und auf Schutz, Pflege und Heilung zu orientieren, soziale Beziehungen auf Mangel Kooperativität zu testen und nach Mängelbeseitigung zu streben. Als ‚negativ‘ können sie nur gelten, weil sie das Wohlbehagen stören. Solche Störungen sind aber wie Warnlampen und Sirenen dem Wohlergehen und -befinden förderlich, also positiv.
Die sog. positiven Gefühle signalisieren, dass wir handlungsfähig, erfolgreich, sicher, geborgen sind und dass wir einer Befriedigung entgegengehen oder sie genießen können. Dass wir uns Ruhe und Entspannung gönnen können. Die positiven Gefühle kann man erzeugen, wie man die negativen töten kann, auf kurzem, kurzschlüssigen Weg. Opium narkotisiert nicht nur den Schmerz, sondern gaukelt Geborgenheit vor, Kokain Handlungsfähigkeit und Meisterschaft, um nur zwei prominente stoffliche Mittel zu nennen.
Die Befriedigung, der Gefahr erfolgreich begegnet zu sein, geht mit dem Verschwinden der Angst Hand in Hand; ist Freiheit wieder gewonnen, geht die Wut; hat man Gleichheit hergestellt, verschwindet der Neid. Die Befriedigung aus der Spannungserleichterung setzt den Spannungsaufbau, das Ertragen der Spannung und Arbeit an der Spannungslösung voraus.
In der Elektrizität ist es uns selbstverständlich, dass der negative Pol für die Spannung erforderlich ist, dass ohne Spannung Strom und elektrische Arbeit und Wärmeerzeugung nicht existieren und dass ein Kurzschluss ohne zwischengeschalteten Verbraucher (Widerstand) die Spannung vorzeitig beseitigt.
Psychologie kann dazu beitragen, Ängste und Schmerzen als Signale für Gefahren, Krankheiten und Verletzungen zu nutzen und ‚reguliert‘ als Motive und Wegweiser zu gebrauchen, die Gefahren zu beseitigen, sie zu fliehen oder mit ihnen zu leben, ohne in Panik zu geraten, sich für Gesundung Ruhe zu gönnen, Verletzungen zu verbinden, Krankheiten zu heilen oder ausheilen zu lassen. Sie kann helfen, Situationen zu erkennen, wo Angst keine erkennbare Gefahr andeutet oder überschießend ist, wo also psychotherapeutisch oder pharmazeutisch Angstlösung indiziert ist. Sie sollte zu einer Realitätsprüfung anstiften, die es erlaubt Angst oder Mut als situationsangemessen zu erkennen.
Das gilt entsprechend auch für die ‚positiven‘ Gefühle. Wenn jemand chronisch optimistisch, wagemutig ist, mag er sich darüber hinwegtäuschen, dass er zu wenig auf Risiken achten, auf Steigungen oder Gefällstrecken, die gesehen und bewältigt werden müssen. Ist man zu ofenhockerisch, kann man seinen Spielraum nicht ausnutzen und verpasst viel. „Tu es mit der Angst“ kann dann ein tauglicher Vorschlag sein.
Dass so wenig von Manie die Rede ist, außer im Zusammenhang mit der „bipolaren Störung“, wo Depression und Manie sich abwechseln, mag damit zusammenhängen, dass sie von Vorteil ist, wenn jemand Menschen als soziale Instrumente benutzt, die man ersetzen kann. Bomberpiloten unter Amphetaminen, die die Todesgefahr nicht realisieren oder Minenarbeiter unter Kokain, die das Hungergefühl verlieren, sind besonders effektiv und billig. Haben wir nicht in Politik, Werbung, sozialen Netzwerken eine manische Strömung? Könnte die Hervorhebung von Depression und Burnout und die Sorgen darum, verbunden mit der Suche nach passenden Pharmaka, nicht davon abhalten, den Ursachen von Depression und Burnout auf den Grund zu gehen und sie zu beseitigen? Und die schlechte Fundierung der manischen Grundhaltung konservieren?
Ich denke, Psychologie sollte sich nicht in positiv und negativ scheiden. Die „positive“ könnte mehr Waghalsigkeit und Übermut stimulieren, als individuell und sozial gesund ist, die „negative“ Mut und ‚Flugbereitschaft‘ übermäßig dämpfen. „Für Angst- und Schmerzfreiheit“ ist eine gefährliche Parole.
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