Cheng lehrte „Reine Mathematik“ in Sheffield an der mathematischen Fakultät und verließ diese der patriarchalischen Strukturen wegen. Unterdessen lehrt sie an einer Kunsthochschule in Chicago, d.h. sie lehrt Künstler Mathematik, eine Kunst für sich. Ihre Bücher zeugen davon, dass sie diese Kunst beherrscht.
x+y= ? Das Ergebnis hängt nicht nur vom Wert der Variablen, sondern auch von deren Kategorie ab. Welche Kategorien passen, hängt auch von der jeweiligen Umgebung, dem Kontext ab.
Kategorienbildung ist ein wesentlich in der Mathematik. Cheng, als Kategorientheoretikerin ist darauf spezialisiert und sie führt ein Stück ein, so dass man ihren Aufruf „gender“ neu zu denken, gut nachvollziehen kann.
Gendered Thinking – Ungendered Thinking. So sind die beiden Teile des sieben Kapitel umfassenden Buches umschrieben.
Während man gendered umstandslos mit geschlechtsspezifisch übersetzen kann, ist ungendered auch als unverfälscht zu verstehen.
Das geschlechtsspezifische Denken verfälscht: Was im Kontext von Gleichstellung von Frau und Mann, im Geschlechterkampf verhandelt wird, wäre vielfach besser zu verstehen als Konflikt zwischen ingressivem und congressivem Umgang miteinander, als Unterschied in Kommunikation und Interaktion. Ingressiv bedeutet „eintrichternd“ oder „einflößend“ und aus dem medizinischen in den sozialen Bereich übertragen. (Dass dem eine aggressive Komponente zukommt, wird nicht eigens betont.) Congressive hingegen bezieht sich auf die wechselseitige Bereicherung durch Verbreitung von Wissen, im Gespräch gewonnenen besseren Verständnis, Debatten, in denen es nicht um Gewinnen und Recht haben geht, respektvollem und achtsamen Umgang miteinander, wie es für gelingende Erziehung, Ausbildung, Forschung mehr als nützlich ist.
Eine Frauenquote hilft nicht weit, wenn ingressive Kultur konserviert bleibt.
Was als geringer Frauenanteil erscheint, ist eine Verdrängung congressiven Handelns aus ingressiven Strukturen und „Betriebssystemen“ heraus. Männer, die ein betont congressives Potential haben, finden keine Aufnahme oder wollen sie nicht, die anderen Männer und die Frauen werden gedrängt, congressives Handeln zu unterdrücken und ingressives zu leben.
Die Verfälschung trägt zum kontinuierlichen Erhalt vaterherrschaftlicher Strukturen, Habitus und Verhalten bei: Patriarchat ist Herrschaft über Töchter und Söhne, nicht der Männer über die Frauen.
Cheng zeigt, wie ingressive Strukturen in vielen Bereichen, in denen keine Ressourcenknappheit herrscht und daher keine Verteilungskämpfe geführt werden müssten, wachsen, von Demokratie, Justiz, Wissenschaft (nicht nur Mathematik) bis hin zu Musik (sie selbst ist Pianistin). Orientierung auf Wettbewerb, Exzellenz, Auszeichnungen und „Superstar-Idolisierung“ hindern congressives Verhalten. Damit schädigen sich nicht nur einzelne, die über entsprechende Fähigkeiten und Motivationen verfügen, sondern auch Demokratie, Bildung, Wissenschaft nehmen Schaden, bleiben hinter ihrem produktiven Potential zurück.
Cheng weist aber auch in Bezug auf die genannten Bereiche auf individuelle und kooperative Möglichkeiten hin, congressives Handeln zu stärken und ingressive Strukturen erodieren zu lassen.
Das Buch stiftet an, eingefahrene Denkmuster in Frage zu stellen und bietet eine Alternative, regt auch an, anderes neu zu denken.Dazu kann auch Chengs vorheriges Buch beitragen, „The Art of Logic“ (Profile 2018), das auf ingressive Art den Leser in diese Kunst einführt.
Schreibe einen Kommentar