Individuals seek to maximize their well-being by consuming goods (such as fancy cars and nice homes) and leisure. […] The economic trade-off is clear: If we do not work, we can consume a lot of leisure, but we have to do without the goods and services that make life more enjoyable.
Borjas, Labor Economics, S. 21
Manchmal braucht es Jahrzehnte, bis Wissen sich in Einsicht umsetzt. Seit Jahrzehnten wusste ich, nicht erst seit dem Vorwerk-Clip „Ich führe ein kleines Familienunternehmen“, dass in Familien reichlich Arbeit anfällt und verteilt werden muss, auch aus eigener Erfahrung. Abgesehen davon, dass viele Investitionen erforderlich sind. Ich wusste auch, dass diese Tatsachen in den Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nicht wirklich anerkannt sind, geschweige denn angemessen berücksichtigt.
Als ich die zitierten Sätze las, kam mir die Erleuchtung, die zugleich den Fragenden in mir weckte. Was ist Arbeit? Ist der Heiratsmarkt (auch) ein Arbeitsmarkt, die Familie eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, warum gibt es kein Lehrbuch der Familienwirtschaft z.B.?Davon wird in kommenden Beiträgen die Rede sein.
Zu grotesk oder absurd leuchteten die Behauptungen auf, außer Lohnarbeit gebe es nur Konsum und Freizeit, zwischen mehr Konsum und weniger Freizeit gelte es zu wählen. Mehr Konsum verlangt mehr Lohnarbeit. Die Wegezeit der Bauarbeiter und der Pendler zählt auf Anhieb auch zur Freizeit.
Von einem Lehrbuch zu Arbeits-Ökonomie wie Borjas‘ erwartet man, aufgeklärt zu werden, was Arbeit ist, welche Arten von Arbeit es gibt, welche Rolle Arbeit wirtschaftlich spielt, wie sie verteilt wird, die ArbeiterInnen (re-)produziert werden und wer die notwendigen Investitionen tätigt. Diese Erwartung wird enttäuscht. Von S. 2 an ist es ein Buch über Arbeitsmarkt-Ökonomie. Ich musste mir eingestehen, dass ich selbst nur einen schwammigen Arbeitsbegriff habe, insbesondere mir ein Konzept von „geistiger Arbeit“ fehlt. Meine Ignoranz – nicht nur meine, wie ich schnell merkte. Aber das stelle ich zurück, halte fest, dass geistige Arbeit anders ist als körperliche, sie häufig verwoben sind, die eine ohne die andere nicht erfolgreich ist. Geistige Arbeit selbst hat eine kognitive und eine emotionale Dimension – im Englischen mit mind and spirit zu unterscheiden – die von unterschiedlicher relativer Bedeutung sein können, keine aber jemals fehlen dürfte. Körperliche, geistige und seelische Arbeit. Üben, Lernen, Kommunizieren, Bindungen eingehen, gestalten und erhalten – alles Arbeit.
Die emotionale Seite sei mit Lust und Liebe angesprochen. Sie zu beleuchten hilft, die befremdliche Verneinung von Haushalts-, Erziehungs- und Beziehungstätigkeit als Arbeit besser zu verstehen.
“Lust und Liebe zum Ding, macht Müh‘ und Arbeit gering”. Nicht nur der (sexuellen, sozialisatorischen) Reproduktion der Individuen sind Lust und Liebe dienlich. Allerdings geht das Sprichwort fehl, wenn es behauptet, die Arbeit wäre dadurch gering. Vielmehr wird Arbeit in sich lustvoll (“flow”) oder die erwartete Befriedigung aus dem Ergebnis und dessen Konsumtion motiviert, vergnügt.
Liebe verweist darauf, dass Menschen der Beziehungen und Bindungen bedürfen und auf die Kunst, die erforderlich ist, solche zu gestalten. Der Mensch ist, wie Tomasello (Mensch Werden; 2021) jüngst eindrucksvoll gezeigt hat, ein kooperatives Tier, das einzige kooperative Tier. Kooperation ist angesichts knapper Ressourcen und Ressourcenkonflikten, Abhängigkeiten, Bedrohungen oft nicht leicht aufzubauen und störbar. Arbeit, von Wut, Hass und/oder Verachtung getrieben, leitet zum „Kriegshandwerk“ jeder Art. Vernichten, Rauben, Ausbeuten und Plündern sind Arbeit. Lieblose Arbeit, mag sie auch lustvoll sein, verdirbt. Liebe verweist darauf, dass Menschen der Beziehungen und Bindungen bedürfen und auf die nötige Kunst, solche zu gestalten. Möchte man dem Künstler absprechen, dass er arbeitet?
Stimmt man dem zu, wirkt die Entgegensetzung von Arbeit und Freizeit, die Work-Life-Balance auch – wäre man arbeitend dann doch leblos –, erst recht befremdlich. Wenn es heißt „Arbeit ist das halbe Leben“ ist mit Arbeit unterschwellig nur Lohnarbeit gemeint, immerhin gehört diese dann zum Leben, aber dass jenseits der Lohnarbeit auch ungeheuer viel gearbeitet wird, wird ausgeblendet.
Pflege, Fürsorge, Erziehung, Lehren und soziale Pädagogik als Arbeit zu sehen und damit als wirtschaftlichen Faktor trägt mir vielleicht den Vorwurf ein, ich ökonomisierte einen heiligen Bezirk. Umgekehrt, wenn ich Lust, Liebe und Vergnügen in die berufliche, die Lohnarbeit einführe, liefere ich ein Argument zu Lohnsenkung. Denn Vergnügen gelte doch als Bezahlung genug.
Bourdieu (Meditationen, 1997, S. 242) spricht von der „kollektiven Verneinung der ökonomischen Grundlagen der menschlichenExistenz“, die sich in Beziehung auf Religion, Kunst und Familie erhalte.
Der Wirtschaft und der Lohnarbeit ihre geistig-seelischen Dimension abzusprechen, ist die komplementäre Verneinung. Womit wir einen Zeh in den Strudel der Psychoanalyse gesteckt hätten.
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