Leicht aber irrt auch, wer nur systemisch schaut.
H.E. Richter hat mit „Eltern, Kind und Neurose“ einen Pfeiler dessen errichtet, was später zur systemischen Therapie bzw. zum systemischem Coaching wurde.
Er beschreibt, wie ein Familienmitglied, nicht selten das schwächste (ein Kind), als Patient auserkoren wird, den man dem Psycho-Doc vorstellen muss. Tatsächlich stellt sich dieser Patient individualdiagnostisch als neurotisch oder sonst gestört heraus, eine individuelle Therapie ist indiziert. Die Störungen des Patienten sind aber oft systemisch induziert, d.h. die anderen Familienmitglieder haben, in der Regel unbewusst und unbewusst kollusiv den Patienten so in Bedrängnis gebracht, in Konflikte verwickelt, dass dieser sich nur durch Abwehrvorgänge wie Verdrängung, Verleugnung, Projektion managen konnte, um den Preis psychischer Störungen. Die innerfamiliäre Vorstellung ist, dass das Unbehagen in der Familie aufhört, wenn nur dieses „schwierige“ Kind behandelt wird; dass dessen Schwierigkeiten und die Schwierigkeiten, die es macht, Persönlichkeitsstörungen entspringen – Persönlichkeit als konstant verstanden –, nicht solchen, die sich im Laufe des Heranwachsens im sozialen Kontext entwickelt haben. Häufig sieht sich das Kind auch selbst als das Problem.
Wenn der Therapeut nun erfolgreich zu therapieren beginnt, der Patient sich seiner neurotischen Symptome entledigen kann und handlungsfähiger wird, d.h. auch innerhalb der Familie weniger schluckt, kommt aus der Familie Widerstand, denn das neue Handeln des Patienten bringt das mühsam gehaltene Familiengleichgewicht in Schwanken, gelegentlich wird die Therapie durch die Eltern beendet, weil das Unbehagen angewachsen ist. Der gesundete Patient ist für die Familie noch schwieriger geworden.
Wenn der Therapeut solche systemischen Zusammenhänge im Blick hat, wird er den Patienten auch zu einer Untersuchung der Familie anregen, um herauszufinden, wie die Akteure mit ihren jeweiligen individuellen Schwierigkeiten ein Spiel auflegen und spielen, das darauf angelegt ist, Konfliktbearbeitung und -lösung zu vermeiden. Der Patient, der sich auch darüber aufgeklärt hat mit Hilfe des Therapeuten, kann seine wiedergewonnene Handlungsfähigkeit nun viel besser, gezielter nutzen.
Auch wenn der Therapeut sich bemüht, die anderen Familienmitglieder einzubeziehen oder zur Familientherapie überzugehen, wird er die individualdiagnostische Perspektive nicht vernachlässigen, denn darüber kann er die Handlungsfähigkeit stärken.
In der systemischen Sicht wird er darauf achten, sich mit keinem Mitglied zu verbünden und dem Ansinnen, die Schwierigkeiten der Familie als Resultat der Störungen eines Mitglieds zu sehen, widerstehen, allerdings so, dass sich der Ansinnende des zwielichtigen Charakters seines Ansinnens bewusst werden kann und es aufgibt. Alles andere als leicht.
Die ‚schwierigen‘ Kinder gibt es auch in der Schule, ‚schwierige‘ Mitarbeiter in Betrieben und ‚schwierige‘ Mandanten in Anwaltsbüros. Querulanten in der Justiz sind auch oft Frühwarner, die mit nervigen Beschwerden auf Systemprobleme hindeuten. Mobbing trifft oft Menschen, die in Schwierigkeiten mit sich und/oder ihrer Umgebung psychische Störungen oder Eigenarten entwickelt haben. Gegen die tun sich die anderen zusammen und finden ein Opfer, auf das sie sich leicht einigen können, denn das ist der Störer. Wird dieser vertrieben, kommt der Nächste an die Reihe.
Die Akteure bauen das (oder am) System in ihrer jeweiligen individuellen psychischen Verfassung und auch ihr Agieren in dem System später trägt höchstpersönliche Spuren. Aber Agieren im System ist oft der Zug in einem Spiel (Game), der durch die individuellen Eigenarten koloriert wird. Zugleich werden Akteure partiell zu Agenten des Systems.
EE: „Ich bin gar nicht so dumm … jedenfalls nur partiell“
IN: „Woher kommt der Nachsatz?“
EE „Ich darf nicht sagen, dass ich nicht dumm bin“
IN „Erst recht nicht, dass du ganz schön schlau bist.“ (Was sie gerade in der Analyse ihrer Arbeitssituation unter Beweis gestellt hatte.)
Das informationshungrige, auch emotional kluge Kind fiel seinem Vater schon früh unangenehm auf, weil es Fragen stellte, die er nicht beantworten konnte und Schwächen entdeckte, die er nicht entdeckt haben wollte. Er brachte Mutter, Lehrerin und in gewissem Umfang Schwester dazu, EE als dumm, vorlaut, unverständig zu behandeln und zu etikettieren. Die zitierten Sätze wurden ca. 40 Jahre später gesprochen. Und konnten erst gesprochen werden, nachdem das durchaus komplexe Familienspiel analysiert worden war. Die Analyse dieses Spiels wäre ohne Einbezug von Individual- und Sozialpsychologie unmöglich gewesen. Und auch nicht ohne Analyse der Gegenübertragung seitens des Coaches. Die half, nicht auf das ‚Behandele mich als dumm‘-Angebot hereinzufallen.