Vor einigen Wochen ärgerte ich mich neben der zunehmenden #Verrauterung vieler Texte auch über die Gender*i*n*n*n, weil sie sowohl meinen Lesefluss hemmen als auch mangelnde Aufmerksamkeit oder mangelndes Wissen zu unterstellen scheinen. Wie ich trotzdem auf die Idee kam, mich zu fragen, ob die paradiesische Schlange vielleicht männlich gewesen sei, kann ich nicht erinnern. Möglich, dass die nebenbei laufende Lektüre von Miltons „Verlorenes Paradies“ (da wäre mein Englisch überfordert) eine Rolle gespielt hat. Die wiederum durch Lawrence Lessigs „Republic Lost“ angestoßen wurde. Die wiederum … Aber ich schweife ab.
Ich befragte ein hebräisches und danach auch ein griechisches Wörterbuch im Netz und, sieh da, männlich in beiden Sprachen. Die Menschenschlange im Griechischen: neutrum.
Im Deutschen würde man niemals zu einem Mann sagen „Du alte Schlange“. Schlange ist von der gespalteten Zunge und Gift bis zum ringelnden Ende weiblich durch und durch. Die hebräische Bibelübersetzung von Buber/Rosenzweig, die seit Jahren wenig benutzt in meinem Regal steht, übersetzt, ohne Zögern und Fußnote, ins „die“.
Die hebräische Mythologie von Ranke-Graves, die ich nach Lektüre seiner griechischen ins Regal gestellt, aber nie gelesen hatte, klärt dann darüber auf, dass der Schlange ein gefallener Engel ist. Die subtile Kenntnis des göttlichen Innenlebens „…damit ihr nicht werdet wie er“ und „damit ihr nicht noch vom Baum des ewigen Lebens esst“ (Ja, 2 verbotene Bäume im Paradies!) in rein männlich besetzten Himmel bei einer Frau hätte uns schon immer überraschen müssen. Die hier zu findende Geschichte der Schöpfungsgeschichte ist aufschlussreich in vieler Hinsicht. Eva war zuvor eine Göttin, jedenfalls im Glauben der Völker rundum. War sie also vorher verkannt und nun erkannt? Oder umgekehrt?
Bei Milton tauchen in der Hölle Frauen als Akteure auf, die als „du alte Teufel“ anzusprechen sein könnten. Obwohl hebräisch der Teufel durch und durch männlich ist, der Satan auch.
Der Schlange brachte mich dazu, meine Aversion gegen die #Gendere*i*i zu überdenken.
…Der Vater starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Der Sohn lebte noch aber sein Zustand war sehr ernst. …wurde er in den Operationssaal geschoben, wo das Chirurgenteam auf ihn wartete. Jemand im Chirurgenteam sagte: „Ich kann nicht mit operieren, das ist mein Sohn“. (Hofstadter „Die Veränderung stillschweigender Annahmen, hervorgerufen durch Bewusstseinswandel“, in: Metamagicum, 1988).
Hofstadter habe ich 1989 gelesen und war überzeugt, dass man sprachlich den stillschweigenden Annahmen widersprechen müsse, hier: Chirurg sei ein Mann. (Ob das heute noch funktioniert oder sich doch schon was geändert hat?)
Gendered Words, schreibt Cheng (in x+y, S. 77; s. Beitrag letzte Woche) können einen Zirkel stiften, von Worten als Verhaltens-Vorschrift, zum vorschriftsmäßigen Verhalten, zu dessen Beschreibung, zu den Worten zurück, deren Bedeutung weiter aufgeladen und ausgerichtet wird. Die Einsicht bringt die Aversion gegen ** nicht zum Verschwinden.
Mein Vorschlag wäre, in allen Fällen des generischen Maskulinums oder Femininums für die übergreifende Kategorie das generische Neutrum zu wählen:
Rabe
Rabenkrähe
Katze
Luchs
Fink
Meise
Salamander
Echse und nicht zuletzt:
Mensch, Chirurg, Forscher…
Schwein, x-Hörnchen, Krokodil, Pferd leben, warum auch immer, schon lange damit, ohne Anstoß zu nehmen. Könnten wir das auch lernen? Vom Erdmännchen zu lernen, wäre zu viel verlangt, oder? Warum eigentlich heißt es „das Weib“? Ist das nicht ein innerer Widerspruch? Warum gibt es dagegen keinen Protest?