Das Richtige und Wahre kennen nicht einzelne, wenige Erleuchtete oder von höherer Stelle Autorisierte, sondern man kann sich ihm nur in Gedanken-, Gefühls- und Meinungsfreiheit kooperativ nähern. Diese Einsicht ist ein Pfeiler von Aufklärung, Wissenschaft und Demokratie. Wie stehen individuell immer an einem Punkt, unser Blick ist gerichtet, fokussiert, eingefärbt, getrübt, wir konstruieren die Welt aus unserem Erfahrungsschatz heraus. Subjektiv im Ausgangspunkt, fehlerträchtig, unausweichlich mit Vorurteilen.
Wir haben evolutionär etliche Fähigkeiten entwickelt, die uns zu kooperieren erlauben, etwas, was selbst intelligente andere Primaten und Vögel nicht können.
Zu diesen Fähigkeiten gehört, die eigene Meinung in Frage zu stellen oder in Frage stellen zu lassen, wie auch die Meinungen anderer zu befragen. Eine Debatte, ein Meinungsstreit zielt so gesehen auf Objektivität, auf Wahrheitsfindung, das Fällen richtiger Urteile, sich der eigenen Vorurteile, Parteilichkeit zu entledigen und so zu einer besseren Realitätssicht, zu besseren Modellen der Realität zu kommen, die nach der Debatte konsentiert eine stabile Handlungsgrundlage auch für kooperatives Handeln bilden.
Ein Meinungsstreit dient so gesehen nicht dem Übertreffen oder gar der Überwältigung der anderen. Er gelingt um so eher, je aufrichtiger die Streitenden sein können und sind.
Die Fähigkeiten, die zu kooperieren ermöglichen, sind nicht gelernt, sie reifen, schon im zarten Alter von 2–7 Jahren. Kindergruppen entfalten ein erstaunliches Kooperationsniveau – solange sie unter sich sind. Taucht ein Erwachsener auf, fallen sie in ein „Folge der Autorität“-Muster zurück.
Psychoanalytisch gesprochen eine Regression.
Wenn jedoch ein Wettbewerb um das „größte Megaphon“ oder die beste manipulative Rhetorik herrscht, kann man davon ausgehen, dass die anderen in „soziale Instrumente“ verwandelt werden sollen, die nicht aufgrund neu gewonnener besserer Einsicht wählen, abstimmen, sondern etwas als richtige Lehre glauben und verbreiten sollen, instrumentalisiert für parteiliche Interessen an Bemächtigung, Bereicherung.
Wenn die anderen persönlich „über den grünen Klee“ gerühmt oder mit hässlichen und verächtlichen Äußeren traktiert werden, hat sich der Streit der Meinungen in einen Kampf der Meinenden verwandelt.
Respektvoller Umgang und Aufrichtigkeit sind keine moralischen „nice to have“ Haltungen, sie sind für ein prosperierendes Gemeinwesen wesentlich. Bei genauerem Zusehen finden sie sich rechtlich verankert. Dass gerechte Urteile nicht gefällt, Wissenschaft nicht Wahrheit findet und demokratische Debatten nicht in gemeinwohlfördernde Gesetze und deren Umsetzung münden, wenn Richter, Wissenschaftler und Debattierende nicht die Tugenden von Respekt und Aufrichtigkeit leben – ist das zu bezweifeln?
Schreibe einen Kommentar